Kulturschock Deutschland

Veränderung. Jeder verändert sich im Laufe der Jahre. Einige zum Positiven. Andere zum Negativen. Der Körper verändert sich alle 7 Jahre. Man sagt, eine Beziehung verändert sich alle 7 Jahre. Auch wir haben uns verändert – doch haben wir uns verändert, weil wir uns momentan im verflixten siebten Jahr unserer Beziehung befinden? Nein. Wir haben uns wegen unserem vergangenen Jahr verändert. Wegen Dingen, die wir gesehen haben. Wegen all den erlebten Abenteuern. Wegen der Welt und dem Geschehen vor Ort. Wir sehen die Welt jetzt mit anderen Augen. Können Dinge besser beurteilen und wissen jetzt endlich wer wir sind. Was wir wollen. Wer oder was für uns eine Priorität hat.

Die Definition von Mut

Vor unserer Weltreise haben viele zu uns gesagt: „Mensch, seid ihr mutig, dass ihr ohne großen Plan in die Welt rauszieht?“ Doch war das wirklich mutig? Ist es mutig aus dem gewohnten System auszubrechen und das zu tun, was einem gefällt? Sind dann all die Daheimgebliebenen weniger mutig als wir?

Wochen vor unserer Rückkehr wurden wir mit haufenweise Fragen gelöchert wie „Wie geht euer Leben in Deutschland weiter?“ „Könnt ihr in eurer alten Firma wieder anfangen?“ „Oder habt ihr schon eine neue Arbeitsstelle?“ „Wie? Ihr seid dann erstmal arbeitslos?“ „Na, irgendwann müsst ihr wieder zurück in euer altes Leben!“ „Der Alltag wir euch schon noch einholen!“

War es das also? Ist unsere Phase von mutig sein also schon vorbei? Wie viel Mut wird in unserer Gesellschaft geduldet, bevor man ein Ausreißer des Systems ist? Wenn wir jetzt also nochmal den Mut hätten, raus in die Welt zu gehen, wäre es dann noch die selbe Art des Mutes? Oder wären wir dann schon verrückt? Nicht bei Sinnen, weil wir ja irgendwann anfangen müssen unser richtiges normales Leben zu leben?

Umgewöhnung

Unsere Rückkehr ist jetzt mittlerweile zwei Wochen her, doch so richtig können wir uns in „unser alten normalen Leben“ noch nicht wiederfinden. Alle die Dinge, die für uns früher vielleicht mal selbstverständlich waren, sind es nicht mehr. Unsere Ansichten sind anders. Wir sind anders. Es ist schwierig. Und es braucht definitiv Zeit. Viel Zeit. Wir wussten, eine Rückkehr zurück nach Deutschland wird nicht leicht werden. Wir haben viel darüber gelesen, doch so richtig konnten wir es uns vorher nicht vorstellen. Selbst beim Check-in unseres letzten Fluges war es noch so surreal, dass wir unsere Gedanken nicht einen Augenblick damit verschwendeten. Erst als das animierte Flugzeug auf der Anzeigetafel von Emirate über dem Wort Frankfurt kreiste, traf es uns wie ein Schlag ins Gesicht. Seitdem springen wir gefühlt täglich von A nach B. Termine dort. Absprachen da. Und es fehlt hier auch noch ein Formular… “Sie haben keine Handynummer aus Deutschland???” “Wir sind gestern erst in Deutschland gelandet.. wir waren ein Jahr auf…” “Bei Gelegenheit umgehend nachreichen!” Danke für das Interesse auch — Herzlich Willkommen zurück in der deutschen Bürokratie!

Keine Spur von Gelassenheit

Alle sind so ungeduldig, schlecht gelaunt, permanent unzufrieden und vor allem distanziert. Jeder fragt wie die Reise war, doch die Antwort darauf will so gut wie niemand hören. Ist es Neid? Desinteresse? Oder fehlt für soetwas einfach die Zeit in unserer gestressten Gesellschaft? Und dann sind da noch diese Erwartungshaltung! Jeder hat eine bestimmte Vorstellung von allem und wer diese nicht erfühlt, hat sowieso verloren. Keine Spur von Gelassenheit. Dinge, die in anderen Ländern einfach hingenommen werden, wie wenn ein Bus erst dann losfährt, sobald er auch wirklich voll ist, sind hier kaum vorstellbar. Beschweren tut sich am anderen Ende der Welt darüber niemand. Und wenn diese ganze Prozedure auch mal 2-3 Stunden dauert, dann ist es eben so! Davon geht die Welt schließlich nicht unter. Doch wehe hier in Deutschland hat der Zug auch nur eine Minute Verspätung — schon springen alle im Dreieck.

Die Generation des Zeitsparens

Kaum war die Distanz zwischen “Dinge, die man wirklich braucht” und Dinge, die unnötig sind” größer. Auf Weltreise waren wir beispielsweise meistens einkaufen in Tante-Emma-Lädchen. Klein und süß, aber doch alles da, was man fürs Leben braucht. Unser erster Besuch im deutschen Supermarkt war dagegen absolut erschreckend: Nicht nur das enorme Überangebot, sondern auch die Überflütung von so vielen Fertigprodukten. Pfannekuchenteig. Fertig angerührt. Unverschämt teuer. Doch die Leute kaufen es anscheinend, anstatt 2 Eier, ein Glas Milch, ein bisschen Mehl und Zucker zusammen in einer Schüssel zu schmeißen.

Der Ofen ist unsere Rettung

Dazu kommt das unglaublich kalte Wetter. Die Wüste haben wir mit 30 Grad plus verlassen und wurden direkt in Frankfurt am Flughafen tiefgefroren! Die erste Woche lag bei Tiefstemperatur -10 Grad, was einfach mal einen Unterschied von 40 Grad ausmachte. Wer hätte auch gedacht, dass wir uns gerade die kälteste Woche des Jahrhunderts zum Heimkommen raussucht haben. Die besten Voraussetzungen für eine Reintegration war das schonmal nicht!

Wie du merkst, wir und Deutschland sind immer noch ein bisschen auf Kriegsfuß. Es bleibt spannend. Wir halten dich auf jeden Fall über unser Gefühlschaos auf dem Laufenden!

Dir gefällt dieser Blogbeitrag? Dann schenk uns dein Herz:

14 Kommentare bei „Kulturschock Deutschland“

  1. Hallo ihr Zwei!
    Erstmal “Herzlich Willkommen” zurück in Good Old Germany 🙂 Kann mich sehr gut in eure Lage versetzen. Habe zwar (noch) keine Weltreise gemacht, kenne diese Gefühle aber nur zu gut. Auf Reisen ist irgendwie alles leichter, unbeschwerter und der Alltag ist ganz weit weg. Es dauert seine Zeit bis ihr euch wieder einlebt, setzt euch nicht unter Druck und lasst es langsam angehen. Das was ihr nun habt, kann euch keiner mehr nehmen und wird euch ewig bereichern. Die nächste Reise kommt bestimmt, ich bin gespannt wie es mit euch weitergeht LG Karo

    1. Hallo liebe Karo:)
      Danke für deinen Kommentar. Für einen deutschen Kulturschock braucht es keine Weltreise, da hast du Recht. Wir können deine Worte so unterstreichen. Aktuell hängen wir immer noch ein bisschen in der Luft, müssen uns oft rechtfertigen, aber halten uns wacker…
      Schön, dass du unseren Weg weiterhin begleitest!

      Liebe Grüße
      Anni und Thommy

  2. Interessanter Artikel! Ich habe damals von meiner 18monatigen Asienreise vor allem Gelassenheit, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit mitgebracht. Das hat mir sehr geholfen, mich schnell zu integrieren. Natürlich hat auch mich das Angebot eines deutschen Supermarktes zunächst überfordert. Doch ich habe letztendlich den Supermarkt genauso betreten wie einen Laden irgendwo in Asien. Gucken und staunen! Bürokratie gibt es auch anderswo.
    Ich wünsche Euch noch eine schöne Eingewöhnungszeit
    LG
    Ulrike

    1. Hallo Ulrike,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Du hast wahrscheinlich Recht — vielleicht sollten wir unsere Rückkehr nach Deutschland auch als eine Art “Weiterreise” betrachten. Gucken und Staunen!

      Ganz liebe Grüße
      Anni und Thommy

  3. Mir steht das alles noch bevor, wenn ich Ende Juni nach einem Jahr „leben“ zurück nach Deutschland komme. Aber nur als „Zwischenstopp“ für wenige Monate, bevor ich wieder losgehe. Bin mal gespannt, wie es für mich sein wird. Ich stelle es mir genau so vor, wie ihr das hier beschrieben habt.

    1. Hallo 🙂
      Schön, dass du uns geschrieben hast! Es ist sicherlich möglich, dass du das gleiche Gefühlschaos durchleben musst wie wir… Nur mit dem Vorteil, dass du wenige Monate später wieder “Tschüss” sagen kannst. Sehr cool!

      Genieß die restliche Zeit deiner Reise in vollen Zügen.

      Liebe Grüße aus dem kalten Deutschland
      Anni und Thommy

  4. Janine Spratt sagt: Antworten

    Willkommen zurück und ihr habt alles richtig gemacht! Als ich nach meinem USA Jahr zurück kam, ging es mir auch so..warum zu Hölle bin ich wieder nach Deutschland gekommen??? Ich habe über 1 Jahr gebraucht..Dafür konnte ich 10 Jahre später an meinem Lieblingsstrand in Key West heiraten, ein wunderschönes Erlebnis!Das haben viele Deutsche nicht verstanden und meine Deutsche Familie überhaupt nicht…Ätsch! EGAL!Es war meine Hochzeit und es hat sich gelohnt in Florida zu heiraten!!!Euch viel Glück!

    1. Hallo liebe Janine 🙂
      Wow, eine Hochzeit am Strand — das hört sich wirklich mehr als traumhaft an! Die Deutschen sind oftmals einfach nur kleinkariert… Man muss auch mal das machen, was einem selbst gut tut und nicht das, was andere sich vorstellen. Dieser Meinung sind wir auch. Hauptsache man selbst ist mit der Entscheidung glücklich!

      Danke und liebe Grüße
      Anni und Thommy

  5. Hallo ihr Zwei,

    wahnsinnig toll geschrieben. Wir können sooooo gut mitfühlen. Genau die gleichen Fragen werden uns jetzt schon (in Etwa die Halbzeit unseres Ausbruchs aus dem System ^^) andauernd gestellt und wir können und wollen sie einfach nicht beantworten. Wir sind schon gespannt, wie es bei euch weitergeht und verfolgen eure Story ;)) Ein paar Sonnenstrahlen von der Isla Holbox ins kalte Deutschland. Wir sind uns sicher, ihr werdet euren Weg gehen. Hört nicht zu viel darauf, was andere sagen. Eine Freundin hat uns vor 2 Tagen folgendes Zitat geschickt: “Der Vergleich ist der Anfang vom Unglücklichsein” und wir lieben es jetzt schon.

    LG Ela & Dodo

    1. Hallo ihr Beiden 🙂
      Das hören wir gerne — Dankeschön 🙂 Schön, dass ihr unseren weiteren Weg verfolgt! Ach ihr Glücklichen… Genießt eure restliche Zeit in vollen Zügen! Es ist sooooo soooo schnell vorbei…

      Eure Freundin hat wirklich mehr als Recht! Genauso ist es! Deshalb gibt es in Deutschland auch so viele unglückliche Seelen durch diese ständigen Vergleiche… Das Zitat merken wir uns auf jeden Fall! Vielleicht können wir es nochmal gebrauchen 😀

      Liebe Grüße ans andere Ende der Welt
      Genießt die Sonne für uns mit
      Anni und Thommy

  6. Hach Gottchen,

    ich (der weibliche Part von uns) kann da soooo mitfühlen! Nach meinem einjährigen Aufenthalt in den USA hatte ich auch so einen richtigen Kulturschock, als ich wieder nach Deutschland kam. Bzw habe ich dann erst richtig gemerkt, wie ich mich verändert habe. Das eigene Weltbild hatte sich bei mir so erweitert. Aber (damals war es noch in der Schule) hatte ich das Gefühl alles ist stehengeblieben. Keiner der Menschen hatte sich in dem Jahr irgendwie verändert und das fand ich extrem befremdlich 😀 Aber ich habe viele Sachen auch seeehr zu schätzen gelernt aus Deutschland, was ich in den USA extrem vermisste. Bin gespannt auf eure Berichte, wie es euch in ein paar Wochen dann geht 🙂 Und nein ihr seid natürlich nicht verrückt, wenn ihr euren Traum lebt! Ist es nicht viel verrückter es nicht zu tun ;)?

    Liebe Grüße aus Köln,
    Mandy

    1. OurTravelness sagt: Antworten

      Liebe Mandy,
      Danke für deine Wort 🙂 Du hast es genau auf den Punkt gebracht! Wir haben uns extrem verändert, sind über uns hinausgewachsen, doch hier ist alles noch beim “Alten”… Einerseits gut, aber andererseits wirklich extrem befremdlich. Wir sind selbst gespannt, wie es mit uns weitergeht, aber wir halten dich (euch) sicherlich auf dem Laufenden!

      Ganz liebe Grüße nach Köln!
      Wir hoffen, dort ist es nicht ganz so kalt wie bei uns in Osthessen 😉
      Anni und Thommy

  7. Hallo ihr zwei,

    wir sind jetzt seit genau einem Jahr wieder in Deutschland. Wir waren gespannt, wie lange wir uns das, was wir auf der Reise gelernt haben, hier bewahren können. Zum Beispiel die Gelassenheit, sich nicht über jeden Kleinscheiß aufzuregen. Die Offenheit gegenüber anderen Menschen. Die Abkehr von dem Konsumwahn. Viele sagten uns: ” Jaja, das ist eine Weile so, aber dann fällst du wieder in den alten Trott.”
    Nun, nach einem Jahr können wir sagen, dass das nicht zwangsläufig passiert. Wir konnten uns tatsächlich viel bewahren. Und das ist toll.
    Auch wenn natürlich schon wieder die Sehnsucht nach der Ferne an uns nagt…

    Liebe Grüße
    Gina und Marcus

  8. Mir ging es so als ich aus Ecuador hierher gezogen bin. Manchmal fühle ich mich immer noch so heute, nach 12 Jahren haha

Schreibe einen Kommentar