Karneval in Rio de Janeiro

Puuuh… wo sollen wir nur anfangen? Karneval in Rio de Janeiro. Wie lange haben wir davon geträumt… Schon bei der Planung war klar, diese Veranstaltung müssen wir irgendwie mit in unseren Weltreiseplan quetschen — komme was wolle. Und somit entschied sich prompt unser Abflugdatum und das erste Ziel stand fix fest. Aber warum war uns das so wichtig? Wir beide waren aktive Mitglieder im heimatlichen Karnevalverein — die eine mehr, der anderen weniger. Und in Rio soll ja bekanntlich der spektakulärste Karneval der Welt stattfinden. Wie konnten wir uns denn das entgehen lassen! Eines schon mal vorweg genommen: Enttäuscht wurden wir definitiv nicht!

Ein unvergessliches Erlebnis

Also was ist nun das Besondere am Karneval in Rio? Wir verraten es dir: Rio feiert keinen Karneval. Rio lebt Karneval! Egal wo, es wird getanzt, gesungen und hemmungslos miteinander rumgemacht. Kein Wunder also, wenn an jeder Ecke Kondome verschenkt werden — die 6,4 Millionen Metropole soll schließlich nicht noch mehr Nachwuchs bekommen. Mitfeiern darf jeder, ob jung oder alt, dick oder dünn, arm oder reich, selbst Babys werden mit Kinderwägen nachts durch die tobende Menschenmenge geschoben. Kein Scherz! Wir haben wirklich so einiges gesehen: Partyoma mit Krückstock, Hochschwangere mit bemalten Bäuchen, stillende Mamis am Straßenrand. Keiner möchte hier beim größten Straßenspektakel fehlen.

Gibt es eine Kleiderordnung?

Werden Berichte über den Karneval in Rio ausgestrahlt, so sieht man oft attraktive Brasilianerinnen mit knackig braun gebrannte Popos gehüllt in knappen Sambakostümchen. Diese Bilder stammen oft aus dem Sambódromo (Veranstaltungsort des Sambaschulen-Wettbewerbs). Dort gilt je pompöser und auffälliger das Outfit desto mehr Aufmerksamkeit gewinnt man für sich. Aber dazu später mehr. Auf den Straßen Rios gibt es hingegen keinen Dresscode. Hier trägt jeder worauf er Lust hat. Besonders beliebt bei den Männern sind feminine Verkleidungen wie Superwoman, Braut, Ballerina, Meerjungfrau oder jegliche Disney-Prinzessinnen. Bei den Frauen hingegen ist das Lieblingskostüm ein „Hauch von nichts“. BHs werden dabei also vollkommen überbewertet und nur die wenigsten Brüste müssen ins Tittengefängnis. Brasilianische Freiheit halt. Wenn dann noch eine der beiden rauspurzelt ist der Style perfekt. Ein Paradise für Thommy? Wir kamen sicherlich beide auf unsere Kosten, denn nicht nur Frauen mögen es freizügig auch die Männerwelt zeigt sehr viel nackte Haut. Sehr zum Leide des neuen Bürgermeisters. Der streng katholisch erzogene Marcelo Crivella kann sich das Ganze nicht angucken und schwänzte sogar die traditionelle Schlüsselübergabe mit König Momo.

Sicherheit

Riesige Menschenmassen laufen durch die Straßen, die Stimmung ist ausgelassen, Flaschen klirren, überall hört man Leute lauthals lachen. Doch Angst hatten wir nie! An jeder Ecken stehen unzählige Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter, die der feiernde Meute mit Rat und Tat zur Seite stehen. Und im Sambódromo? Das ist an Karneval der wohl sicherste Ort in ganz Südamerika. Doch sei trotz allem immer auf der Hut. Touristen sind für Gauner ein leichtes Ziel. Der Gegensatz zwischen arm und reich ist in Rio wirklich gering — nicht umsonst heißt es: „Rio hat alles und nichts!“ Deshalb immer nur das Nötigste mit sich tragen: Handy, etwas Bargeld und sicherheitshalber ein Ausweis als Kopie reichen vollkommen aus und die ausgelassene Feierei kann starten!

Sauberkeit

Die Cariocas (Einwohner von Rio) geben sich die größte Mühe und versuchen die Stadt während des Karnevals, so gut wie es geht, sauber zu halten. Und das ist eine echte Höchstleistung, denn hier herrscht Tag für Tag ein kompletter Ausnahmezustand. Ungefähr vergleichbar mit unseren Rosenmontag — nur eine Nummer heftiger. Achtung: So wie in Deutschland das Motto zählt „Iss niemals gelben Schnee“, so solltest du in Rio einen großen Bogen um Pfützen machen. Denn bekanntlich regnet es hier kaum.

  1. Sambódromo
  2. Stadtviertel Lapa
  3. Strandpromenade Copacabana

Sambódromo — Champions League der Sambaschulen

Dagegen sieht unser deutscher Karneval in den Hochburgen wie Köln blass aus: Bis in die Morgenstunden ziehen als atemberaubender Zug scharrenweise Tänzer in farbenfrohen Kostümen mit leidenschaftlichem Hüftschwung durch das tobende Meer aus Licht, Farben und stimmungsvoller Musik. Von den Tribünen aus verfolgen tausende Zuschauer jährlich dieses Schauspiel. Doch was steckt dahinter? Wir haben uns mal aufklären lassen:

Regeln wie auf dem Spielfeld

Ja, der Karneval in Rio ist vergleichbar mit den Fußball und ähnelt in sehr vielen Punkten extrem der weltbekannten Sportart. Somit können wir dir das Ganze vielleicht ein bisschen leicher erklären. Eines steht fest: Sowohl beim Fußball als auch beim Karneval sprühen die Brasilianer vor Leidenschaft.

Ligen
Die Sambaschulen von Rio “Escolas de Samba do Rio de Janeiro” sind insgesamt in vier Ligen aufgeteilt. Jährlich steigt die Schule mit der besten Punktzahl aus der Ersten Liga in die “Grupo Especial” auf, währenddessen eine andere Gruppe ihren Platz räumen muss. Die Reihenfolge der einzelnen Paraden der “Grupo Especial” wird dabei durch das Los bestimmt.

Aufstellung
Und noch weitere Dinge hat der Karneval in Rio mit dem Fußball gemein, denn auch hier hat jeder Akteur seine eigene Position — nur dass niemand stürmen oder verteidigen muss, stattdessen: tanzen, singen, musizieren. Das Herzstück der Aufstellung und somit der berühmteste Platz „Rainha de Bateria“  hat hierbei die Königin der Rhythmusgruppe, eine leicht bekleidete Tänzerin, die vor der Kapelle tanzt. Auch du kannst als Tourist an einem Karnevalsumzug einer solchen Schule teilnehmen. Du brauchst nur etwas Kleingeld (ca. 300 € Kostümkosten) und schon bist du dabei!

Spielverlauf
Karnevalssonntag und -montag nehmen jeweils 6 Sambaschulen an dem Spektakel teil. Jede dieser “Escolas” tritt mit jeweils 3000 bis 5000 Teilnehmern an, aufgeteilt in bis zu 40 Gruppen mit 5 bis 8 Umzugswagen. Anders wie im Fußball hat eine jede Sambaschule für ihren Durchmarsch im Sambódromo eine Zeitgrenze von 82 Minuten. Jede Minute, die der Zug zusätzlich benötigt, kostet Punkte, jede Minute unter 65 ebenfalls. Für den Sieger der “Grupo Especial” gibt es einen Geldpreis, Ruhm und Ehre. Entscheiden tut dies die Jury, die bei der Punktevergabe unteranderem auf die künstlerische Umsetzung des Themas sowie die Kombination von Gesang, Trommelspiel und Tanz achtet. Bewertet wird ebenfalls der Einfallsreichtum von den Kostüme, im Portugiesischen “Fantasias” genannt.

Farben
Jede Sambaschule präsentiert sich selbstverständlich in ihren eigenen Farben — wie auch die Fußballvereine. Während die Sambaschule Beija-Flor in den Farben blau und weiß erstrahlt, zeichnet sich die Schule Grande Rio mit den Farben rot, grün und weiß aus. Die Fans sind natürlich dementsprechend bekleidet. Auch Fan-Gesänge sind hier üblig. Denn jede Schule hat ihren eigenen Song, der ursprünglich 3-4 Minuten dauert, für die Show hingegen auf 82 Minuten gedehnt wird. Ja, nach jeder Parade konnten selbst wir die Lieder mitsingen…

Das Stadion

Das Sambódromo wurde im Jahre 1984 von Brasiliens weltberühmten Architekten Oscar Niemeyer entworfen. Seitdem finden hier jedes Jahr aufs Neue die spektakulären Paraden des berühmten Karnevals von Rio de Janeiro statt. Es ist nicht wie ein normales Stadion in Kreisform gebaut, sondern längs mit obligatorischen Tribünen, von denen pausenlos Fangesänge hallen. Die Kampfarena der Karnevalisten selbst ist 700 Meter lang und bietet Platz für 88.500 Karnevalbegeisterte. Obwohl diese Arena diese zigtausende Menschen fasst, wirkt es schon beinahe klein. Jedoch steht sie unter Denkmalschutz und darf daher weder abgerissen noch erweitert werden.

Das Sambódromo ist optimal an das öffentliche U-Bahn-Netz angebunden und nur einige Meter von der Haltestelle Praça Onze entfernt. Wer es etwas bequemer mag: Es gibt eigene Karnevals-Taxiunternehmen, die zwar etwas teurer sind, dich aber bis zu den einzelnen Sektoren vorfahren dürfen.

Platzwahl

Haupttribünen
Das ist das günstigste Ticket, welches für das Sambódromo angeboten wird. Es bietet eine tolle Sicht auf den gesamten Umzug, da man besonders hoch sitzt. Es gibt keine zugeteilten Sitze und Nummern, außer im Sektor 9. Am besten also früh da sein, um einen guten Platz zu sichern.

Zugeteilte Sitze
Diese Tickets sind nur in den Sektoren 12 und 13 verfügbar und außerdem die günstigsten Alternative. Sie befinden sich am Ende des Sambaumzugs in der Nähe der Apotheosis. Die Stühle sind wie in einem Open-Air-Theater aufgestellt. Zugewiesene Stühle sind ideal, für diejenigen, die sich einen Stuhl sichern wollen, ohne Logensitzpreise zu zahlen.

Frisas
Sehr teuer aber auch die besten Plätze, um den Sambaumzug zu sehen. Sie befinden sich auf Bodenniveau und sind so nah an der Wegstrecke dran, sodass man fast die Darsteller berühren könnte.

Camarotes
Diese werden als die meist begehrten Tickets bezeichnet. Hier hat man eine tolle Sicht auf die Show mit erstklassigem Kellnerservice, Buffet und Bar. Diese Luxus Suiten können trotzdem nicht die beste Wahl sein: Denn die Fenster sind nicht groß genug für alle Besucher.

Tipp: Die heißeste Atmosphäre und beste Akustik genießen die Zuschauer in den Sektoren 9-11 in der so genannten „Nische der Trommler”, in der sich die Percussions-Musiker für jede Darbietung aufstellen. Können wir sehr empfehlen – dort saßen wir auch 🙂

Siegerehrung im ganzen Land übertragen

Am Aschermittwoch, wenn bei uns schon wieder alles vorbei ist, geht es in Rio gegen Mittag dann erst richtig los: 40 Punktrichter, jeweils 4 für die insgesamt zehn Bewertungskategorien, zählen die Punkte aus. Zu diesem Zeitpunkt heißt es für die Gruppen: Zittern, bangen und auf das Ergebnis warten! Die Verkündung des Ergebnisses wird sogar im ganzen Land auf unzähligen Sendern live im Fernsehen übertragen. Nach der Bekanntgabe der Punkte startet eine Siegesfeier mit Feuerwerk und Freudenfesten. Außerdem treten an dem nachfolgenden Samstag bei der „Champions Parade“ die sechs besten Sambaschulen erneut in der Arena auf, allerdings diesmal nur zum Spaß. Nach dieser letzten Show heißt es für die unzähligen Tänzer wieder: „Nach dem Karneval ist vor dem Karneval“ und die Trainingseinheiten beginnen von vorne!

Herzlichen Glückwunsch

Die Sambaschule Portela ist der Gewinner des Karnevals 2017 in Rio de Janeiro. Dank ihres Auftritts mit etwa 3400 Tänzern und Musikern gewann die mit 12 Titeln meistgekrönte Karnevalsgruppierung in knapper Entscheidung den Wettstreit der 12 besten Sambaschulen. Ihr Thema war das Flussleben Brasiliens.

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