Das Leben in einer Favela

Was ist überhaupt eine Favela?

Erstmal zu der Begrifflichkeit: Favelas sind eigentlich nutzlose brasilianische Kletterpflanzen. In einem Polizeibericht wurden die Slums von Rio, die sich ähnlich an den vielen Berghängen und Hügeln nach oben räkeln, mit dieser Pflanze verglichen. Somit trugen fortan diese Wohngebiete den Namen Favela.

Unüblicherweise sagt man in Rio, dass die Armen auf die Reichen herabschauen und die Reichen zu den Armen aufblicken müssen. Auf den Hügeln, die über den weltberühmten kilometerlangen Stränden und den reichen Touristenhochburgen Copacabana und Ipanema thronen, bauen zahllose Cariocas (Eigenname der Einwohner Rios) ihr Zuhause aus allerlei Materialien, eben wie sie ihnen gerade zur Verfügung stehen.

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Favelas, auch als Armenviertel bekannt, sind grundsätzlich illegal erbaute Häuser. Das chaotische Bausystem ist der Tatsache zu verdanken, dass die Einwohner per Quadratmeter zahlen müssen. Um diese Kosten möglichst gering zu halten, wird dann lieber in die Höhe gebaut, um sich trotzdem ein Leben finanzieren zu können. Oft werden sie nach mehreren erfolglosen Räumungsversuchen von der Stadtverwaltung toleriert und bei zunehmender Größe mit einer Infrastruktur (Strom, Wasser, Schulen, Ärzte) versehen. Infolgedessen haben viele der Favelas eine unterschiedliche Lebensqualität. Die Behausungen, die der Infrastruktur allerdings im Wege stehen, werden ohne mit der Wimper zu zucken, abgerissen. Ebenso ergeht es den Hütten, die zu nah an einem der legalen Viertel Rios stehen. Denn sobald der reichere Stadtteil Platz für Wohnhäuser oder Hotels benötigt, muss die Favela weichen.

Doch die Lage hat sich schon verbessert: Mittlerweile gehen die meisten Bewohner einer Favela mit besseren Standards einer legalen Arbeit nach. Sie bilden somit die klassische Mittelschicht in Rio und auch in den anderen Städten Brasiliens. In den Favelas siedeln sich inzwischen zunehmend Hostels oder airbnb Unterkünfte an und es gibt sogar geführte Touri-Gruppen. Jedoch sollte man sich stets des Risikos bewusst sein!

Wie gefährlich ist es wirklich?

Bevor wir zu den Punkt kommen, wie gefährlich die Favela wirklich ist, möchten wir erstmal erläutern, was sie überhaupt so gefährlich macht. Von den ca. 763 Favelas in Rio de Janeiro sind unterdessen nur 220 von der Polizei kontrolliert und demzufolge etwas sicherer. Die restlichen sind ohne jegliche Polizeikontrolle auf sich selbst gestellt. In solchen Favelas herrscht also nicht die Polizei, sondern Kartelle, die meist mit Drogen ihr Geld verdienen. Hier einen sozialen Aufstieg zu erreichen ist sehr schwierig und die Polizei ist trotz Präsenz machtlos. Journalisten, Reporter und auch Kameras sind hier wie Freiwild und werden auch zur Abschreckung von Nachahmern so behandelt.

Unsere Erfahrungen

Wir haben vier Nächte in einer Favela am Rande der Copacabana verbracht. Anfangs waren wir geschockt, da wir nicht wussten, dass sich unsere airbnb-Unterkunft in einer solchen Favela befindet. Mit dem Taxi fuhren wir also durch die engen Gassen. Nur mit sehr viel Mühe passen hier zwei Autos aneinander vorbei. Mit einem mulmigen Bauchgefühl stiegen wir aus. Einige Bewohner schauten uns schräg von der Seite an. Sehr viel negatives haben wir vorher über diese Armenviertel gelesen und dass man sich von ihnen, wenn möglich, fernhalten sollte. Und wir? Wohnten einfach mittendrin…

Was wird uns hier nur erwarten?

Unser Host Flavio wartet schon am Treppenaufstieg, der zu unserer Mietswohnung führte und brachte uns zum Eingang. Die darauffolgenden Tage stand uns Flavio zu jeder Frage parat und begleitete uns zu Fuß zunächst durch das Gedränge der Favela. Besonders cool, so hatten wir unseren persönlichen Guide. Er konnte äußerst gut englisch, was in Südamerika durchaus untypisch ist. So entwickelten sich ziemlich viele interessante Gesprächsthemen. Er verdeutlichte uns aus seiner Sicht, dass Brasilien eben ein großes soziales und korruptes Problem hat.

Bei dem Sonnenuntergang der zweiten Nacht waren wir schon in unserer Wohnung — der Respekt vor der Dunkelheit hatte gesiegt. Vorerst. Die anderen Tage kamen wir immer später zur Unterkunft zurück. Nach dem Besuch im Sambadrómo sogar erst gegen vier Uhr nachts. Zugegeben zur der Uhrzeit hatten wir schon ein bisschen Schiss. Dennoch ist uns nie irgendetwas passiert. Viele der Einwohner Favelas wollen auch bloß ein möglichst normales Leben führen, ohne jegliche Kriminalität.

Diese Gedanken schossen uns, während unseres Aufenthalts, durch den Kopf:

  • Dürfen wir bei Dunkelheit noch raus auf die Straße?
  • Ist es intelligent eine Kamera mitzunehmen oder werden wir ausgeraubt?
  • 200 Treppenstufen bis zur Unterkunft. Passiert uns da auch nichts?
  • Jede neue Gestalt scheint irgendwie verdächtig zu sein.
  • Die Nachbarschaftswache der Favela läuft mit Pistolen und Gewehren ihre eigene Streife.

Unsere Sicherheitstipps für deinen Favela-Besuch

Wir können jedem raten einer Favela in Rio einen Besuch abzustatten. Es ist ein unvergessliches Erlebnis, das einen über das eigene Leben nachdenken lässt. Weißt du eigentlich wie gut du es hast? Wir wissen es jetzt und sind dafür wirklich sehr dankbar.

Verschaffe dir also einen Überblick und mache einen geführten Tagesausflug in eine Favela Rios. Dort zu wohnen, können wir nicht weiterempfehlen. Klar, wir haben es überlebt und sicherlich war es eine interessante Erfahrung. Doch Favela sollte man immer mit einer gesunden Portion Vorsicht genießen.

Folgenden Tipps sorgen dafür, dass du Heile wieder zurückkommst:

  • Halte dich von Favelas ohne Polizeikontrolle fern! Diese sind wirklich sehr gefährlich. Als Tourist hat man dort definitiv nichts verloren.
  • Gehe nie ohne einen vertrauenswürdigen Guide. Selbst in den von der Polizei kontrollierten Favelas. Es gibt überall Menschen, welche die Gelegenheit ausnutzen.
  • Protze nicht mit deinem Hab und Gut. Lass deine Wertsachen am besten in deiner Unterkunft. Deine Kamera oder Handy kannst du zur Tour mitnehmen. Packe sie beim Herumlaufen jedoch lieber in eine Tasche.
  • Spiele nicht den Helden. Wenn du keine Wertsachen dabei hast, kann dir auch nicht viel passieren. Die Lebensumstände vieler Menschen treiben einen eher zum Raubüberfall, als zu einem größeren Verbrechen.

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